Nichts ist wahr

03.05.2022

Wenn die Russen jetzt sagen, Israel unterstütze mit der Ukraine ein Naziregime, dann wäre das früher™ nur ein Lacher gewesen. Aber die Zeiten sind irre geworden. Als Trump den Ausdruck "Fake News" annektierte und ihn in einer Art Guerilla-Taktik gegen die Wahrheit wendete, war der Begriff verbrannt. Wer Heute "Fake News" sagt, steht sofort in Verdacht ein Querdenker zu sein, auch wenn damit "echte" Fake News gemeint sind, wie die, dass es einen Sturm gab, als die Moskva sank. Aber während Trump den Unterschied zwischen wahr und unwahr kognitiv nicht verarbeiten konnte oder nicht wollte, kennt Putin diesen Unterschied sehr genau, denn er ist nicht debil.

Es ist deutlich geworden, dass die russische Propaganda es darauf abgesehen hat, den Unterschied zwischen "wahr" und "nicht wahr" nicht bloß zu verwischen, sondern zu vernichten. Siehe "Spezialoperation", "Entnazifizierung", "alles läuft nach Plan" und jetzt das Ding mit Israel. Inzwischen gibt es auch ein Wort dafür, frisch geprägt von Christo Grozev:

"Kremsplaining"

Nichts ist wahr

We speak newspeak, we thing doublethink, 2+2=5, richtig ist falsch. Die Russen setzen "1984" in die Tat um, aber die Putinversteher links und rechts finden der Westen ist schuld.

Für linke Putinversteher ist "der Westen" der amerikanische Imperialismus, mit dem Vietnamkrieg, 2 Irakkriegen, dem Afghanistan-Krieg etc. Für die Putinversteher der AFD ist "der Westen" Moralfanatismus, Gendergaga und Liberalität.

Nichts ist falsch?

Alles richtig, oder? Amerikanischer Imperialismus - check. Gendergaga -check. Liberalität - äh.

Wenn man mit Putinverstehern über den Krieg diskutiert, ist die erste Kurve, die sie nehmen, die Kurve zum Westen. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich wie magnetisch auf die Sünden und das Versagen des Westens. Russische Sünden und russischen Versagen wird relativiert oder ignoriert. Butscha? Mariopol? Wird vom Putinversteher bedauert und dann relativiert. Im Falle eines Linken z.B. mit Vietnam, im Falle eines AFD-Putinverstehers mit irgendwas.

Manchmal kommen auch Verweise auf die unzweifelhaft reiche russische Kultur, mit der wir doch irgendwie eine Gemeinsamkeit hätten, aber der Einwand, dass das nichts mit dem Kreml zu tun hat, bleibt wirkungslos. Solche Verweise sollen Einem eigentlich auch nur eine Höherwertigkeit des Russischem über das Amerikanische unterjubeln, aber dass die russische Kultur eine der Vergangenheit ist und ~1917 endete, darf man natürlich auch nicht sagen. Ja, Isaac Asimov war Amerikaner und wer jetzt mit Tarkowski kommt - na gut, von mir aus.

Der Witz ist leider, dass Russland zivilisatorisch, kulturell und politisch nichts anzubieten hat. Da ist einfach nichts, für das sich Menschen begeistern würden. Es gibt offenbar viele brillante russische Intellektuelle, aber sie prägen nicht Russland, sondern nur die kritische Diskussion über Russland. Die einzige zivilisatorische, politische und kulturelle Antwort auf die westliche Kultur des Konsumismus, die Russland zu bieten hat, lautet "Territorium". Aber ob die Krim nun historisch begründet russisch ist oder nicht - wen juckt's? Wer will schon in einer 1984-Welt leben? Die Ukrainer wollen es offenbar nicht, aber die Putinversteher tun so, als wäre der Westen die Diktatur. Versuchte der Kommunismus wenigstens noch ideologisch eine Alternative zu sein, ist nach 1990 bei den Russen nichts passiert, ausser Kapitalismus mit Autokratie zu verbinden.

Russland ist die Imitation eines modernen Staates mit dem Geschäftsmodell eines Dritte Welt Landes. Und es ist die Imitation einer Diktatur. Die Chinesen lachen sich doch kaputt über Russland, während sie mal eben 300 Millionen Menschen in den Lockdown schicken oder in 6 Monaten einen Flughafen bauen.

Ein Nebeneffekt dieses ganzen Desasters ist aber auch die Erkenntnis, dass nix is mit dem Ende der Geschichte, denn der Neoliberalismus produziert keine Demokratie. Es gibt keine Evolution durch Ökonomie, denn Politik ist keine Biologie. 2+2≠5. Nur - seltsamerweise bringen die Putinversteher dieses Argument, das das Versagen des Westens aufzeigt, nicht, weil Linke entweder zu alt sind, um sich für solche Fragen jemals interessiert zu haben oder vielleicht weil ihre Prägung in den 70ern war, wo man über Atomraketen stritt und deren Beitrag zum Ende des Ostblocks einfach ignoriert wurde. Und ausserdem wirkte Putin damals auch so artig.

Die Zeitenwende betrifft insofern auch die "Marktkonforme Demokratie" von der unsere geliebte Ex-Kanzlerin phantasierte. Viele haben schon 1990 gesagt, dass solche Vorstellungen fatal sind, aber die Bescheidwisser wussten es ja wieder besser und jetzt ist der Bock eben fett. Aber der deutsche Michel, der von Herzen gerne nachplappert, wird sich rausreden und sagen, das mit dem Gas war zwar ein Fehler, aber immerhin hat Schröder ja die Reformen gemacht. Ja, genau und Hitler hat die Autobahnen gebaut. Der deutsche Michel ist nicht erst seit 1990 lieber Kunde statt Krieger, was sich andererseits leider auch in seinem Verständnis vom Staatsbürger manifestiert. Nicht alles, was ein gutes Konsumgefühl macht, ist auch richtig, aus diesem Grund wird über die verheerende Wirkung von 16 Jahren Merkel auch lieber geschwiegen.

Dieser ganze Bammel vor dem Liefern von schweren Waffen ist verständlich und nötig. Aber davon den Arsch unter allen Umständen an der Heizung zu haben, steht nichts im Grundgesetz. Es ist eine Schande, wie wenig man sich als deutscher Politiker oder als deutscher Intellektueller in einer Materie auskennen muss, um im Diskurs seinen Platz in der ersten Reihe zu beanspruchen. Ist Jemandem aufgefallen, dass die Ukraine nicht gejubelt hat, als ihr veraltete und schwer zu bedienende Flakpanzer zum Ende des Jahres in Aussicht gestellt wurden, für die es nur sehr begrenzt Munition gibt? Kennt Jemand, der deswegen den 3ten Weltkrieg an die Wand malt, Inhalt und Bedeutung von militärischen Nuklearstrategien, insbesondere der russischen? Nö, wozu, es reicht doch eine Meinung zu haben.

Propaganda als Ausweg

Aber - wenn nichts wahr ist und der Kreml mit seinen absurden Verdrehungen der Wahrheit bei den eigenen Leuten durchkommt, dann kann sich die russische Propaganda noch als segensreich erweisen. Wenn der Kreml den Russen weiss machen kann, dass Israel auf Seiten von Nazis ist, dann kann Putin seinem Volk auch eine Niederlage als Sieg verkaufen. Es kommt nur auf den richtigen "Spin" an. Wieder eine westliche Erfindung.

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