Bewirtschaftung

22.03.2017

Vor ein paar Monaten tauchten hier plötzlich so komische Automaten auf. Das „Dorf“, wie man es hier nennt, war von der Stadt zum City-Bereich erklärt worden, in dem der Parkraum nun bewirtschaftet werden muss. Bedeutet: Die Räume werden enger. Man muss nun für etwas bezahlen, das eben noch frei war.

Man denkt vielleicht, ok, kluge Menschen haben entschieden und es wird schon seine Richtigkeit haben. Man ärgert sich, dass man einen Strafzettel für 35€ bekommt, wenn man sein Auto in der Nähe seiner Wohnung parkt, aber man denkt auch, dass man sich schon arrangieren wird. Ist halt nur ungewohnt.

Aber irgendwie hat man auch das Gefühl, dass da was nicht stimmt. Man fragt sich: Die Stadt, vertreten durch verschiedene Behörden, kauft Automaten, betoniert sie ein und die Polizei bzw. ihre Vetreter setzen das Recht durch und verteilen Strafzettel. Um genau was zu erreichen?

Man rechierchiert und stößt auf etwas, das sich „Quartiersmanagement“ nennt. Man denkt, aha - das ist was neues, eine Abteilung im Bezirksamt oder in der Behörde für… Stadtteile oder so. Irgendwas amtliches mit `nem geilem Namen und Gestaltungskompetenz.

Nein, „Quartiersmanagement“ nennt sich genau genommen „ökonomisches Quartiersmanagement“, denn es geht nicht um Sozialwohnungen, Straßenreinigung oder Flüchtlingsheime, es geht ums Geschäft. Genauer gesagt ums Ladengeschäft, um die Arztpraxis, die Apotheke, die Boutique - den Krämer.

Das „Quartiersmanagement“ für Blankenese betreiben zwei sympathische Frauen. Der Umstand, dass sie aussehen als stünden sie vor einer Fototapete des Ortes, dem sie sich angeblich verbunden fühlen, ist sicher kein Zufall, aber ich habe sie nicht in das Bild montiert, das war schon so.

Jedenfalls - hier kommen Vivienne Kalka und Nina Häder:

Frau Kalka und Frau Häder sind keine Beamt_innen, sie sind nicht vom Bezirksamt oder bei sonst einer Behörde tätig, auch wenn die Interviews in den Zeitungen das suggerieren. Sie sind Angestellte der Firma "Stadt+HandelGmbH".

Die Fa. Stadt+Handel bietet ihre Dienste Ladeninhabern an, deren Geschäftsmodell durch Einkaufszentren und Amazon unter Druck geraten ist. "Intensive Lobbyarbeit gegenüber Verwaltung, Politik, Vereinen und anderen Stellen" bietet die Firma unverhohlen auf ihrer Website an.

Auftraggeber der Fa. Stadt+Handel ist dieser Verein, ein Zusammenschluss der Krämerläden in Blankenese.

Und das ist es was Fr. Kalka und Fr. Häder managen: Nicht ein Quartier, sondern die Interessen von Leuten, die hier zwar nicht wohnen, aber ein Geschäft betreiben das irrigerweise auf die Zahlungskraft der Einwohner setzt. Sie haben über eine Lobbyisten-Firma erreicht, dass öffentlicher Raum den Anwohnern genommen, umgewidmet und den Kunden ihrer Geschäfte zur Verfügung gestellt wird.

Ich weiß - den meisten kommen nicht gerade die Tränen, wenn eine Träne in Bartelhuden sein Auto nicht vor der Tür parken kann. Und in Eimsbusch und Deppendorf kann man überhaupt nicht parken, aber dazu komme ich ein anderes Mal.

Das Ziel der Händler ist es, den ganzen Ort umzugestalten, um ihn für Kunden von ausserhalb attraktiver zu machen. Blankenese soll fit gemacht werden für Events, Freizeitangebote und Marketing. Fressstände, Logo-Paraden und Sponsorenwände.



Eine Veranstaltungsbühne soll her, mehr Aussengastronomie und - mehr "Charme", sagtFrau Häder. Welche Art von Charme ihr dabei vorschwebt, zeigt das Foto ganz gut, auf dem sie oben posiert.

Zielgruppe dafür sind jedenfalls nicht die Nachbarn und Anwohner, es sind Touristen und eventbereite Mitbürger aus der ganzen Stadt. Hübsche Altbauten sollen dafür als Kulisse und feine Pinkel als Komparsen dienen.

Begleitet wird der Prozess von jede Menge Phrasen in denen ein Nutzen für die Allgemeinheit herbeigeredet wird. Da ist natürlich von der Umwelt die Rede, von mehr Lebensqualität und sogar davon Barrieren für Behinderte zu beseitigen. Welche Barrieren das sind, wird nicht näher spezifiziert, aber ein Glücksgefühl wird herbeiphantasiert, das sich bei den Anwohnern einstellen soll, wenn die Geschäfte der Krämer irgendwann wieder brummen.

Der Bezirk Altona hat dem Plan der Krämer am 22.10.2015 zugestimmt.

Das Gehalt und die Bürokosten der Lobbyisten wird zu 50% von der Wirtschaftsbehörde bezahlt. Von Steuergeldern.

Ich weiß, das ganze nennt sich Demokratie, aber irgendwann stehe ich wieder allein in der Wahl-Kabine und soll diese grinsenden Gschaftlhuber legitimieren die Geschäftsinteressen Anderer gegen meine Interessen durchsetzen.

PS:

Eine pikante Randnotiz ist, dass der Parkplatzmangel angeblich erst durch die Angestellten der Firmen und Krämer entstanden ist, weil die mit dem Auto zur Arbeit gekommen sind. Und die Krämer beschweren sich, dass die Stadt die Parkgebühren zu hoch angesetzt hat und dass das jetzt der Grund ist, weshalb die Kunden immer noch weg bleiben... .

Update



Offenbar war mein Timing gar nicht mal so schlecht. Ein Twitter-Account mit dem Namen "Blankenese" veröffentlicht eine Pressemitteilung mit warmen Worten und kalten Bildern. Diesen hier:

Das Abendblatt berichtet mit Stichworten wie "öde" und "dilettantisch" über die Pläne zur Umgestaltung.